Tausend Torbogen: Die Torii von Kyoto bilden einen orangefarbenen Tunnel
Egal, welche Japanreise man plant – Stopps in Tokio, Kyoto und Osaka gehören immer dazu. Das Großstadt-Trio überwältigt Besucher mit Energie. Bezaubert aber auch mit Traditionen, Spiritualität und unerwarteten Oasen der Ruhe.
Wie still es hier ist! Und wie leer! Vorhin in der U-Bahn war es noch eng wie immer, aber hier in Fushimi hat man das Gefühl, in einer anderen Welt ausgestiegen zu sein. Dabei ist das immer noch Kyoto! Zwischen den Bäumen auf der anderen Straßenseite stehen große Torii, das sind die orangefarbenen Holztore, die überall in Japan den Übergang von der Alltagswelt zu einem Heiligtum markieren. Meistens geht man durch eine Handvoll von ihnen hindurch – hier aber wartet eine lange Reihe, genau tausend sollen es sein. Nach vielleicht hundert bleibt man stehen. Schaut nach vorne, schaut nach oben, schaut zurück. Und fühlt sich plötzlich seltsam geborgen in diesem Tunnel aus Orange. Wenn man dann oben auf dem Hügel ins Freie tritt, ist da nur noch das aufgedrehte Krächzen der Krähen.
Oasen der Ruhe gibt es in allen Großstädten
Japans Metropolen sind eigentlich exakt so, wie man sie sich vorstellt: groß, wuselig und ungeheuer überwältigend. Manchmal hat man den Eindruck, als öffne sich nicht bloß eine andere Welt, sondern ein komplett neues Universum voller Hochhäuser und Neonreklamen, wenn man aus der U-Bahn-Station nach oben kommt. Alles leuchtet, alles glitzert, alles funkelt, manchmal sogar fast bis zu den Sternen. Der Tokyo Skytree, 634 Meter hoch, reicht an die ja auch beinahe heran. Einige Viertel weiter überqueren an der berühmten Shibuya Crossing während jeder Grünphase 2.500 Fußgänger die Straße. Und zwischen den Städten zischt der Schnellzug Shinkansen hin und her, auch bullet train genannt. Mit seinen 320km/h ist er pfeilschnell.
Weil das „Höher! Schneller! Weiter!“ ihrer Megacitys selbst den Japanern manchmal zu viel wird, schaffen sie sich Oasen der Ruhe und der Tradition. Gehen in Restaurants, in denen die japanische Küche nicht nur gekocht, sondern zelebriert wird. Nehmen sich ein paar Stunden Zeit für die traditionelle Teezeremonie oder den Besuch in einem Onsen, einer heißen Quelle. Als Besucher sollte man das genauso tun. Außerdem ist ja auch immer irgendwo ein Tempel in der Nähe. Oder ein kleiner Garten. Oder eine große Parkanlage.
In Tokio ist der Ueno-Park so ein Ort. Er liegt mitten in der Stadt und ist wegen seiner Museen ziemlich populär. Man muss aber nur einmal vom Hauptweg auf einen der schmalen Pfade abbiegen, um kurz darauf unter uralten Zedern zu stehen, deren Äste Schattenspiele auf den Kies zaubern. Auch im Shinjuku Gyoen National Garden gibt es etliche Ecken, in denen man glaubt, auf dem Land spazieren zu gehen. Nur zur Zeit der Kirschblüte nicht, wenn jeden Abend Tausende kommen, um unter einem Dach aus Blüten zu picknicken.
In seinen Tempeln findet Japan zu sich
Auch in der Expo-Stadt Osaka gibt es solche Oasen der Ruhe. Da betritt man zwischen den Wolken kratzenden Hochhäusern den Sumiyoshi-Taisha-Schrein oder den Keitakuen Garden, und plötzlich riecht die Luft nach Holz und Harz. Nach einigen Minuten ist die Geräuschkulisse der Stadt nur noch wie durch Watte zu hören. Wenig später ist sie komplett verschwunden.
Wie kann die Gesellschaft der Zukunft aussehen? Wie wollen wir sie gestalten, wie werden wir leben? Um diese Fragen und um Themen wie „Saving Lives“, „Empowering Lives“ und „Connecting Lives“ dreht sich die Expo 2025, die vom 13. April bis zum 13. Oktober 2025 in Osaka stattfindet. Die genaue Location: Yumeshima, eine künstlich aufgeschüttete Insel in der Osaka Bay. 150 Länder wollen an der Expo 2025 teilnehmen, und 28 Millionen Besuchende werden erwartet!
In Kyoto wiederum stehen 2.000 Tempel und Schreine. Den Ryōan-ji mit seinem weltberühmten Zen-Kiesbeet muss man natürlich gesehen haben, und auch Kinkaku-ji und Ginkaku-ji mit ihren Gärten gehören auf jede Bucketlist. Am besten besorgt man sich anschließend einen Bus- und U-Bahn-Plan und sieht nach, welche Tempel und Schreine etwas außerhalb liegen. Nach Fushimi mit seinen tausend Torii in Orange kommt man so gut. Und vielleicht ja auch zum Adashino-Nenbutsuji-Tempel, in dessen verwunschenen Gärten 8.000 steinerne Buddhas stehen.
Zwischendrin lässt sich in Ruhe über dieses Japan nachdenken, das doch ganz anders sein kann, als man gedacht hat. Ein Land der Spiritualität, der Tradition und der Stille. Ein Land, in dem man irgendwann merkt, dass man ständig lauscht: wie der Wind im Bambus raschelt. Wie der Reiher mit den Flügeln schlägt. Wie die Regentropfen in den Kastanienbäumen von Blatt zu Blatt fallen, ganz sanft, ganz leise. Stefan Nink
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